7. Unterschied zwischen Sanierungskonzept (IDW S6) und Schwachstellenanalyse

Krise fühlt sich für jeden anders an, verläuft für jeden anders und Krisen haben unterschiedliche Ursachen. Eine Krisenbewältigung sieht deswegen bei jedem Unternehmen auch etwas anders aus. Das bedeutet, dass es für deine konkrete Strategie und die Zusammenstellung der Maßnahmen für deine Krisenbewältigung keine 1:1 Vorlage gibt.

Die gute Nachricht: Es gibt verschiedene Werkzeuge, die du für deine Strategie zur Krisenbewältigung einsetzen kannst und für die Werkzeuge/Tools gibt es Vorlagen und Anleitungen, aus denen du deine eigene Checkliste und Strategie erstellen kannst.

Bevor du anfängst, solltest du klären, welche Vorgehensweise für deine aktuelle Situation am sinnvollsten ist. Wieviel Zeit ist erforderlich bzw. möglich? Wird es ein Mittestreckenlauf oder eher ein Langstreckenlauf?

Die Frage ist also, an welchem Lauf nimmst du teil, damit du dir deine Kräfte (Zeit und Kosten) richtig einteilst? Reichen die 10 Kilometer oder solltest du dich für die Teilnahme am Marathon eintragen? Das ist für dich wichtig, aber auch für deine Gläubiger und vor allem auch für Geldgeber, die dir in der Krise einen Kredit geben sollen.

Wir zeigen dir im Folgenden am Unterschied zwischen einem Sanierungskonzept (nach IDW S6) und einer Schwachstellenanalyse (auch Quickcheck genannt), wie wichtig es ist, das Stadium der Krise zu kennen und die Maßnahmen zur Krisenbewältigung konkret auf (d)ein Unternehmen anzuwenden.

IN WELCHEM KRISENSTADIUM BEFINDET SICH DEIN UNTERNEHMEN?

Bevor du dir Gedanken zur Krisenbewältigung und auch über die richtigen Konzepte machst ist es wichtig, dass du über Krisenstadien Bescheid weißt.

Es werden verschiedene Krisenstadien unterschieden. Grob zusammengefasst kannst du unterscheiden.

1. Stategiekriese
2. Ertragskrise
3. Liquiditätskrise

1. DIE STRATEGIEKRISE

Oberflächlich gesehen läuft es derzeit noch alles rund. Doch du bist auf einem Weg unterwegs, der im Dickicht oder an einem Abgrund enden wird – das nennt sich Strategiekrise.

Beispiel: Dein Unternehmen fertigt Teile für einen Dieselmotor und nahezu alle -auch du- wissen und du merkst es auch an rückläufigen Bestellungen bereits, dass der Autohersteller diesen Motor in wenigen Jahren nicht mehr einsetzen wird. Wenn du nicht bereits ein 2. Standbein aufgebaut oder zumindest einen kurzfristig umsetzbaren Plan für Ersatzprodukte in der Tasche hast, ist das ein Beispiel für eine Strategiekrise.

2. DIE ERTRAGSKRISE

Hast du über einen längeren Zeitraum rückläufige Gewinne und ggf. auch inzwischen Verluste, kannst nicht mehr Zinsen, Tilgungen, Steuern und Rücklagen in vollem Umfang aus deinen Überschüssen decken und es ist keine kurzfristige Besserung in Sicht, ist das bereits eine Ertragskrise. Selbst wenn du freie Kontokorrent-Linien hast, um alles abzudecken, befindet du dich in einer Ertragskrise. Freie Kontokorrent-Linien verschleiern in vielen Fällen die Probleme eine Zeitlang.

Eine Ertragskrise kann auch plötzlich eintreten. Bleiben ohne Vorwarnung größere Zahlungen aus, weil ein Hauptauftraggeber nicht zahlen kann oder will (Insolvenz, Weigerung u.a.) und du hast keine anderen Aufträge, die das kurzfristig ausgleichen, hast du eine Ertragskrise. Wenn Zahlungen von Hauptauftraggebern ausbleiben ist zumeist auch der zukünftige Umsatz gefährdet, weil in den meisten Fällen Abhängigkeiten bestehen. Und zahlt dein Hauptauftraggeber ohne dein Einverständnis nicht, wirst du vermutlich nicht für ihn weiterarbeiten wollen und damit ist der zukünftige Umsatz auch betroffen. (Eine starke Abhängigkeit ist auch ein Beispiel für eine Strategiekrise).

3. DIE LIQUIDITÄTSKRISE

Ist die Ertragskrise soweit fortgeschritten, dass du keine Liquidität mehr hast, um deine wesentlichen Zahlungen zu gewährleisten (Personal, Material/Waren, Steuern, Sozialabgaben u.a.) befindest du dich in einer Liquiditätskrise.

Geschäftsführer von Kapitalgesellschaften (UG/GmbH/AG/Ltd./SE u.w.) müssen einen Insolvenzantrag wegen Zahlungsunfähigkeit stellen, wenn sie innerhalb der nächsten 3 Wochen nicht 90% aller fälligen und überfälligen Verbindlichkeiten zahlen können (Insolvenzordnung – beachte die Aussetzung dieser Pflicht bis 30.09.2020, wenn du dich vor Corona noch nicht in einer Krise befunden hattest).

In Corona-Zeiten wurde der Markt durcheinandergewirbelt. Wie aus dem „Nichts“ zahlen Geschäftspartner/Kunden nicht und du kannst daher ohne vorherige Ertragskrise sofort Liquiditätsprobleme oder auch eine Liquiditätskrise bekommen.

Das jeweilige Stadium einer Krise bestimmt die Werkzeuge/Tools und Maßnahmen zur Bewältigung der Krise.

SCHWACHSTELLENANALYSE VS. SANIERUNGSKONZEPT

Im Zusammenhang mit Ertrags- und/oder Liquiditätsproblemen wirst du damit konfrontiert, dass einzelne Geschäftspartner von dir ein Konzept haben wollen, aus dem Gründe für deine Probleme und Lösungsansätze erkennbar sind. Meistens sind das die Banken oder auch große Lieferanten.

Sie fordern eine Konzeption um,

  • Eine Grundlage zu haben, Kredite aufrecht zu erhalten (also nicht zu kündigen oder Linien zu streichen)
  • Dir einen zusätzlichen Kredit zu gewähren, um eine Liquiditätslücke zu schließen oder dringend notwendige Investitionen trotz Krisensymptomen zu gewährleisten
  • Einen Teilverzicht auf bestehende Forderungen zu rechtfertigen
  • Oder eine Mischung von einzelnen/allen Punkten

Je nach Krisenstadium und/oder Erfahrungshorizont wird unterschieden zwischen:

  • Sanierungskonzeption nach IDW S6 (auch Sanierungsgutachten oder S6-Gutachten genannt)
  • Einer Schwachstellenanalyse (auch Quickcheck genannt) bzw. auch
  • Einer Fortführungskonzeption

IDW S6 ist ein Standard (Grundlage des Konzeptes), den der Wirtschaftsprüferverband aufgestellt hat und an dem sich Sanierungsexperten/Sanierungsberater und auch die Rechtsprechung orientieren.

Im Ergebnis wird trotz der verschiedenen Bezeichnungen unterschieden nach

  • Einem Sanierungskonzept nach IDWS6 oder
  • Einem anderen Konzept (mit verschiedenen Bezeichnungen wie o.a. – wir nennen es Schwachstellenanalyse)

WORIN BESTEHEN DIE UNTERSCHIEDE?

Ein Sanierungskonzept nach IDW S6 wird immer dann notwendig, wenn (d)ein Unternehmen die Voraussetzungen für einen Insolvenzantrag erfüllt oder dein/das Unternehmen und deine/seine Gläubiger (Geschäftspartner, die Forderungen ggü. deinem/dem Unternehmen haben) sich nicht sicher sind, ob eine Insolvenzantragspflicht besteht.

Das können sein:

  1. Zahlungsunfähigkeit (du kannst in den kommenden 3 Wochen nicht 90% der fälligen und überfälligen Verbindlichkeiten begleichen) und/oder
  2. Überschuldung (deine Vermögenswerte decken nicht mehr die Verbindlichkeiten/dein Eigenkapital ist daher „negativ“) und es gibt keine „Positive Fortführungsprognose“

Die positive Fortführungsprognose wird im Rahmen/im Ergebnis des Sanierungsgutachtens durch den Sanierungsexperten/Sanierungsberater abgegeben oder aber verwehrt, wenn aus Sicht des externen Experten keine Sanierung möglich ist.

Ist ein Insolvenzantrag nicht mehr vermeidbar oder ist er „gewollt“, dann wird kein Sanierungskonzept/Sanierungsgutachten gebraucht. Dann ist der Insolvenzantrag beim zuständigen Insolvenzgericht zu stellen.

Wenn dein Unternehmen keine Kapitalgesellschaft (GmbH, AG, SE, Ltd. etc.) ist und für dich auch sonst keine Pflicht für einen Insolvenzantrag bestehen sollte, fordern Gläubiger (meist deine Bank) häufig trotzdem ein Sanierungskonzept, sofern du die gleichen negativen Voraussetzungen erfüllst wie eine Kapitalgesellschaft mit einer Insolvenzantragspflicht.

SANIERUNGSKONZEPT

Im Sanierungskonzept werden

  • Die Ursachen für die Krise aufgedeckt
  • Das Krisenstadium bestimmt
  • Die Wirksamkeit der Unternehmensstrategie überprüft
  • Der Liquiditätsstatus ermittelt
  • Eine Aussage getroffen, ob eine Insolvenzantragspflicht besteht und wenn ja, ob und wie diese geheilt werden kann
  • Sanierungsmaßnahmen zur Beseitigung der Krisenursachen bestimmt
  • Sanierungsbeiträge des Unternehmens, der Geschäftsführer/Inhaber und Gläubiger benannt
  • Eine (Sanierungs-) Planung aufgestellt (zumeist 5 Jahre und 2 Szenarien – Worst-Case/Real-Case)
  • Ein Liquiditätsplan aufgestellt
  • Ein Kapitaldienstplan aufgestellt
  • Planbilanzen für die nächsten 5 Jahre erstell
  • Eine Aussage über die Fortführungsmöglichkeiten (positive Fortführungsprognose ja/nein) getroffen

Die Arbeiten sind in Anlehnung an den IWD-S6-Standard vorzunehmen und zu dokumentieren. Häufig sind Maßnahmen zur Liquiditätssicherung während der Erstellung des Sanierungskonzeptes notwendig (Überbrückungskredit), um zum Beispiel die Überschuldung (als Insolvenzantragsgrund) zu beseitigen und damit Zeit zu gewinnen, das Sanierungskonzept in Ruhe zu erstellen.

Die Erstellung kann 2 bis 4 Monate und bei schwierigen Bedingungen auch länger dauern.

SCHWACHSTELLENANALYSE

Wenn sich (d)ein Unternehmen

  • Noch am Anfang der Ertragskrise befindet und
  • Die Ertragsrückgänge oder Verluste noch zu keiner Liquiditätskrise geführt haben (Rückgänge noch nicht so gravierend und/oder
  • Noch freie Liquidität) vorhanden ist

reicht oftmals eine Schwachstellenanalyse.

In vielen Fällen kommt die Initiative von den Banken. Die Banken werten Gewinnermittlungen, Jahresabschlüsse, Betriebswirtschaftliche Zahlen sowie die Kontoführung aus (siehe hierzu auch unseren Blogbeitrag zum Thema „Kontorating“). Bei Verlusten wird das Rating in vielen Fällen unter eine bestimmte Grenze fallen und es schaltet sich die Intensivbetreuung der jeweiligen Bank ein. In der Intensivbetreuung arbeiten in der Regel erfahrene Kreditanalysten, welche nun im Interesse der Bank das Risiko beurteilen sollen. Fallende Gewinne oder gar Verluste sind für die Banken ein Warnsignal. Die frühzeitige Einschaltung von Spezialisten bei den Banken ist aus Unternehmenssicht oft nervig, positiv daran ist, dass ein Handlungsdruck für die betroffenen Unternehmen besteht und sehr frühzeitig eine Krisenbewältigung eingeleitet wird (bessere Chancen).

Daher kommt der Anstoß für eine Schwachstellenanalyse selten aus dem normalen Kreditbereich, sondern aus dem Intensivbereich, ggf. halten sich die Mitarbeiter am Anfang noch im Hintergrund, sind aber bereits intern aktiv.

Nach unseren Erfahrungen kommt es eher selten vor, dass Inhaber/Geschäftsführer von sich aus eine Schwachstellenanalyse erstellen lassen, obwohl das eine gute Unterstützung darstellen kann.

Die Schwachstellenanalyse dient vor allem dazu,

  • Ursachen für Gewinnrückgänge oder Verluste offenzulegen
  • Aussagen zur Wirksamkeit der Unternehmensstrategie zu treffen
  • Verbesserungs-/Veränderungsmaßnahmen aufzulisten und zu begründen
  • Eine Liquiditätsplanung aufzustellen und drohende Liquiditätslücken aufzudecken
  • Eine Umsatz- und Kostenplanung aufzustellen (meist 3 oder 5 Jahre und 2 Szenarien)
  • Die Kapitaldienstfähigkeit zu ermitteln (die Fähigkeit, auf Überschüssen, Steuern, Zins und Tilgung zu decken)

Die Schwachstellenanalyse wird nicht umsonst auch Quickcheck genannt. Es geht darum, schnell Probleme im Anfangsstadium aufzudecken und Lösungen aufzuzeigen und somit zu helfen, verlorengegangenes Vertrauen bei Gläubigern (meist Banken) zurückzugewinnen.

Die Bearbeitungstiefe ist geringer, die Experten/Berater überprüfen die wichtigsten Faktoren rund um das Thema anhand vorgelegter Unterlagen. Im Gegensatz zum Sanierungskonzept besteht das Ziel aber nicht darin, detailliert und besonders tiefgründig in die einzelnen Bereiche einzusteigen.

Die Bearbeitungsdauer ist kürzer, meist nur wenige Wochen.

〈 Unser Praxistipp 〉

Ein Sanierungskonzept ist deutlich umfangreicher und verursacht mehr Kosten als eine Schwachstellenanalyse. Es bietet dir und deinen Gläubigern jedoch auch einen Mehrwert, da durch die umfangreiche Unternehmensbetrachtung eine sehr gute Aufarbeitung deines Geschäftsmodells/Strategie, der Märkte, Vor- Nachteile der Produkte/Dienstleistungen und viele weitere wichtige Punkte rund um dein Unternehmen analysiert und dokumentiert werden.

Doch wenn du kein Sanierungskonzept brauchts, sind die Mehrkosten dafür ärgerlich.

Wenn du noch keine ernsthaften Ertrags- und Liquiditätsprobleme hast und/oder sich erste Liquiditätsprobleme durch eine Privateinlage, Gesellschafterdarlehen oder eine befristete Zwischenfinanzierung zunächst beheben lassen, kann auch eine Schwachstellenanalyse ausreichen.

Zwei Empfehlungen hierzu:

  1. In allen Fällen, bei denen nicht bereits im Vorfeld zu 100% klar ist, dass tatsächlich ein Sanierungskonzept benötigt wird, dränge gegenüber deinen Banken darauf, dass erst nach einer Erstanalyse/Erstsichtung des eingeschalteten Sanierungsexperten/Berater entschieden wird, ob ein Sanierungskonzept nach IDW S6 oder eine Schwachstellenanalyse erstellt wird. Ergibt sich nach Erstanalyse, dass eine Schwachstellenanalyse ausreichend ist, dann sparst du Zeit und Geld – beides ist in einer Krisensituation wichtig
  2. Sollte eine Schwachstellenanalyse beauftragt werden, bitte das Beratungsunternehmen diese so aufzubauen, dass bei einem späteren Bedarf/Notwendigkeit ein Ausbau dieser Schwachstellenanalyse zu einem Sanierungskonzept möglich ist. Es kann passieren, dass während der Arbeit/Erstellung neue Aspekte/Fakten hinzukommen, so dass dann plötzlich doch ein Upgrade zum Sanierungskonzept benötigt wird (häufig der Fall, wenn Teilverzichte der Gläubiger notwendig werden oder höhere Verluste auftreten und der Liquiditätsbedarf größer als anfangs erwartet). Wenn die Schwachstellenanalyse im Grundaufbau an die Erstellung eines Sanierungskonzeptes angelehnt ist, kann ohne Doppelkosten und Zeitverzug eine Ausweitung auf ein Sanierungskonzept vorgenommen werden.

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